Würzburger Schule der Kontemplation (WSdK)

Tagungsbericht

 

Der nachfolgende Text ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung der Autorin/des Autors bzw. der WSdK.

Wolf-Dieter Gödecke

Jüdische Mystik - Herbsttagung 2008

Autor: Wolf-Dieter Gödecke
Fotos: Stephan Köther  (Link)
Der Bericht wurde der Zeitschrift "Spirituelle Wege 9/2009" entnommen.

Jede Tagung der WSdK entfaltet ein Angebot für die TeilnehmerInnen auf ganz verschiedenen Ebenen. Zum thematischen Schwerpunkt mit qualifizierten Vorträgen kommen die persönlichen Begegnungen mit den Weggefährtinnen bereichernd hinzu, die in ganz Deutschland ihre Erfahrungen in der Anleitung und Vermittlung der Kontemplation machen. Daneben gibt es noch die inspirierenden Gesprächsrunden, die ein Kennenlernen untereinander möglich machen.

Jede Tagung hat auch einen festlichen Teil - die Ernennung der neuen Lehrerinnen und eine Feier des Lebens. Bei der diesjährigen Herbsttagung schien mir dieser festliche Teil besonders gelungen, denn die Ernennung der neuen Lehrerinnen fand zum ersten Mal im Rahmen der Feier des Lebens im Gewölbesaal statt, eine Neuerung, die man durchaus beibehalten könnte. Das Erleben unserer Gemeinschaft fand auf diese Weise einen sehr kraftvollen Ausdruck.

Klauss StüweAls zweites Highlight möchte ich die gelungene Buchpräsentation von Klauss Stüwe hervorheben.

Eingerahmt von Regine Schiefers Musikdarbietung an der Querflöte führte uns Klauss Stüwe mit der

Regine Schiefer

Lesung aus seinem neuen Buch in die Einsamkeit einer spanischen Einsiedelei, die er seit Jahren immer wieder aufsucht.

Der Autor gab uns tiefe Einblicke in den inneren Prozess, der durch die Einsamkeit und die Lebensumstände vor Ort ausgelöst werden. Dieser Vortrag war eine inspirierende Einladung, diesem Erfahrungsweg zu folgen und sich ebenfalls in eine Einsiedelei wie dem "Monte de Silencio" für eine gewisse Zeit zurückzuziehen.

 

Das thematische Zentrum der Tagung bildete die jüdische Mystik, dem spezifisch jüdischen Weg der Einung mit Gott.

Juval LapideDie Erwartungen an den Referenten Dr. Yuval Lapide waren sehr groß, denn beide Elternteile des Referenten sind in Deutschland durch Vorträge und Veröffentlichungen wohlbekannt. Der Referent führte mit Engagement zunächst in den historischen Hintergrund ein. Dabei arbeitete er den inneren Erfahrungsweg der Mystiker Rabbi Isaak Luria (16. Jh.), auf den die Kabbala zurückgeht, und Rabbi Israel Ben Elisier, der im 18. Jh. in der Ukraine lebte und wirkte, besonders anschaulich heraus.

Für mich war der zentrale Aspekt der narrativen Theologie, der im Jüdischen in Geschichten und Anekdoten verbildlicht wurde, besonders eindrücklich. Hinzu kommen die Aspekte und Ausdrucksformen vitaler Lebensfreude, die im Chassidismus durch Tanzen und auch bewussten Alkoholkonsum zum Ausdruck gebracht werden und die Erlaubnis zu ekstatischer Ergriffenheit beinhalten.

Im mystischen Einweihungsweg des Rabbi Israel findet man analog zu anderen mystischen Lehrsystemen als zentrale Stationen der inneren Entwicklung:

  1. Die Selbstbetrachtung ("Erkenne dich als Teil des riesigen Universums, das du selbst nicht geschaffen hast.")
  2. Die Selbstzurücknahme ("Lass dein Ich verstummen, werde leer.")
  3. Die Kultivierung der Sehnsucht nach dem verborgenen Gott
  4. Die Vereinigung mit dem Göttlichen ("Gott in mir einen Tempel errichten, meinen Körper zu einem Tempel Gottes formen")
  5. Das Brennen für Gott (den alten Menschen hinter sich lassen)
  6. Zum Werkzeug im Dienste Gottes zu werden ("Was kann ich heil machen? Mein Wirken auf dem Markt-platz des Lebens.")

Bei allen Stationen auf dem Wege der Einung mit Gott bleibt in der jüdischen Mystik Gott als ein personales Gegenüber erhalten, mit dem der Mensch wie mit einem Freund in dialogischer Verbindung steht. Gleichzeitig ist das Göttliche aber auch ein geistiges Prinzip, das in allem ist, was uns umgibt.

Zum Abschluss möchte ich eine Geschichte des Referenten nacherzählen, die mir besonders eindrücklich in Erinnerung ist, und die für mich den ganzen Charme der jüdischen Erzählungen zum Ausdruck bringt:

Ein junger Rabbi, der etwas neidisch auf die großen Heiligen seiner Tradition ist, geht zu einem dieser weisen Männer und fragt ihn: "Was fehlt mir, das du hast? Worin besteht der Unterschied zwischen uns?" Der Weise antwortet mit einer Gegenfrage: "Was machst du, wenn du einen Apfel isst?" Der junge Rabbi antwortet: "Bevor ich einen Apfel esse, bete ich und danke Gott, so wie es in unserer Tradition üblich ist." Darauf der Weise: "Das ist der Unterschied. Wenn ich bete und Gott danken will, dann esse ich einen Apfel."

Ich danke im Namen der Würzburger Schule der Kontemplation Dr. Yuval Lapide für seine erfrischenden Belehrungen und Ausführungen zur jüdischen Mystik.

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